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Kolumnen-Archiv

29.08.2011
Was spinnt denn da?

04.08.2011
Vorsicht vor Rückwärtsläufern!

15.04.2011
In höherer Gewalt

28.03.2011
A Running Gag

27.01.2011
Trari trara, die Post ist da

01.12.2010
Schenken macht Freude

04.11.2010
Kopf hoch!

28.04.2010
Laufen Sie schon zielorientiert?

18.03.2010
Frauen und Technik, die begeistert!

19.12.2009
Laufend durch ein Flockenmeer

15.08.2009
Leichtathletik kann so schön sein!

18.06.2009
Kleider machen Läufer

20.05.2009
Treat me like a woman

07.05.2009
Die Entdeckung der Langsamkeit

07.04.2009
Frühlingserwachen<

09.03.2009
Berlinalpin Run

12.02.2009
Das Läufertum astrologisch betrachtet

21.01.2009
Neue Extremsportart entdeckt

21.12.2008
Alle Jahre wieder?


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Bilder: Andreas Franke, LaCatrina

Neue Extremsportart entdeckt

Seit Neuestem betreibe ich Extremsport. Aber wenn Sie jetzt denken, dass ich mich mit einem Fallschirm im Gepäck von einem Hochhaus stürze (Base-Jumping), scharfkantige Felsen ungesichert emporklettere (Free-Solo), tiefseetauchen gehe oder gar zur Motorrad-Akrobatin mutiert bin – weit gefehlt. Es ist eine kleine, noch wenig bekannte Extremsportart, die recht unscheinbar daherkommt und bisher nur eine kleine Fangemeinde hat. Völlig zu Unrecht, wenn Sie mich fragen, denn sie stellt nicht nur höchste Ansprüche an Kraft, Koordinationsvermögen und Risikobereitschaft, sondern sorgt zudem für den ultimativen Kick – bei minimalem technisch-logistischen Aufwand!

Gemeint ist: Fun-Ice-Running – zu deutsch: Spaß-Joggen bei Glatteis. Diese Trendsportart ist für Sportler aller Leistungsstufen ausgezeichnet dazu geeignet, die eigenen körperlichen und psychischen Grenzen auszuloten. Der Vorteil liegt in der Ausrüstung, die sich jedermann leisten kann: Man benötigt weder Fallschirm noch Bungeeseil, muss weder Motorradfahren beherrschen noch in die Hochalpen anreisen. Heimatliche Bürgersteige, Wald- oder Wiesenwege und die eigenen Laufschuhe sind alles, was man für das Extremsporterlebnis braucht. (Für mehr Abwechslung können Fortgeschrittene und Profis bei der Wahl ihrer Route gern Abschnitte mit fünf- bis zehnprozentigem Gefälle einplanen.) Wichtig jedoch sind die richtigen Witterungsbedingungen: Als ideal erweist sich tagelanges abwechselndes Schneien und Regnen, rhythmisches Frieren und Tauen, kombiniert mit dem – leider noch nicht allerorts – aus Umweltschutz- und Kostengründen selbstverständlichen Verzicht auf Streusalz.

Beim Fun-Ice-Running geht es nun darum, bei konstant mittlerem Lauftempo die vereisten Wege so zurückzulegen, dass man a) sich nicht auf Eis legt und b) keinen auffälligen künstlerischen Eistanz vollführt und damit unnötig die Blicke von Passanten auf sich lenkt. Dass beide Ziele ein Höchstmaß an Körperbeherrschung erfordern, macht den Reiz dieser Extrem-Jogging-Variante aus: Um dem ständig drohenden Sturz und den fatalen Folgen wie Arm-, Bein- und Halsfrakturen zu entgehen, muss man einen besonders festen, aber dennoch gefühlvollen Tritt an den Tag legen, eine enorm trainierte Rumpfstabilität beweisen und gleichzeitig seine Konzentration auf die Anspannung von Bein- und Gesäßmuskulatur lenken (daher eignet sich dieser Laufsport insbesondere auch zum weiblichen Problemzonentraining). Der Körper dankt einem dieses Abenteuer mit gesteigerter Konzentrationsfähigkeit und angekurbelter Endorphin-Produktion. Zu diesen rein körperlichen Extremstaufgaben kommt der hohe mentale Druck, gilt es doch – dem Namen der Sportart entsprechend – nach außen eine durchgängig positive Laufeinstellung zu vermitteln. Denn den Titel Fun-Ice-Runner hat nur der verdient, der während höchster körperlicher Anstrengung noch die Fähigkeit besitzt, mit freundlicher Mimik und locker-legerem Erscheinungsbild die Bewunderung entgegenkommender Fußgänger zu wecken. Gerade diese psychische Belastung sollte man nicht unterschätzen: Während beim Wildwasserschwimmen, Paraglyding oder Bungeejumping der Gesichtsausdruck überhaupt keine Rolle spielt und man im Meer, im freien Fall oder an anderen abgelegenen Orten seiner Ekstase frei und lautstark Ausdruck verleihen kann, dürfen einem beim Fun-Ice-Running weder die Gesichtszüge entgleisen noch unbedachte Kraftausdrücke herausrutschen. Denn da für diese Sportart bisher keine Öffentlichkeitsarbeit geleistet wird, weiß die Bevölkerung im Allgemeinen gar nicht, dass sie es hier mit Spitzensportlern zu tun hat, und reagiert in logischer Konsequenz mit völligem Unverständnis und Bewertungen wie "Ist die verrückt, bei Glatteis zu laufen?" oder "Selbst schuld!" oder gar so schadenfrohen Erwartungen wie "Die legt sich jetzt bestimmt gleich hin ..."

Deshalb plädiere ich dafür, die Extremsportart Fun-Ice-Running zukünftig intensiv zu vermarkten und zur Winter-Wettkampfsportart in großem Stil und mit entsprechender Medienpräsenz auszubauen. Der gestrige 40. Spandauer Winterwaldlauf hätte Gelegenheit zu einem Premierenlauf geboten. Doch leider hat man den Fun- und Extremfaktor nicht erkannt und den Lauf schlichtweg abgesagt! Schade, kann ich da nur sagen ...



Juliane Jung, 37, ist Simultanübersetzerin und wohnt in Berlin-Mitte. Wenn sie nicht gerade zwischen den Sprachen hin und her switcht, ist sie mit ihrem Terrier Torpedo in Berlin unterwegs. Sie liebt Sport und singt im Chor. Außerdem sammelt und bemalt sie mit Leidenschaft Blumentöpfe.