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Kolumnen-Archiv

29.08.2011
Was spinnt denn da?

04.08.2011
Vorsicht vor Rückwärtsläufern!

15.04.2011
In höherer Gewalt

28.03.2011
A Running Gag

27.01.2011
Trari trara, die Post ist da

01.12.2010
Schenken macht Freude

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28.04.2010
Laufen Sie schon zielorientiert?

18.03.2010
Frauen und Technik, die begeistert!

19.12.2009
Laufend durch ein Flockenmeer

15.08.2009
Leichtathletik kann so schön sein!

18.06.2009
Kleider machen Läufer

20.05.2009
Treat me like a woman

07.05.2009
Die Entdeckung der Langsamkeit

07.04.2009
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09.03.2009
Berlinalpin Run

12.02.2009
Das Läufertum astrologisch betrachtet

21.01.2009
Neue Extremsportart entdeckt

21.12.2008
Alle Jahre wieder?


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Bild: Wikipedia

Was spinnt denn da?

Läufer leben gefährlich, weiß Juliane Jung: Erst macht der rückläufige Merkur den Sporttreibenden das Leben schwer und nun erscheint ein weiterer unerwünschter Gast auf der Bildfläche ...

Bei meinem gestrigen Lauf durch den Grunewald entdeckte ich an mehreren Bäumen großbuchstabige Warnplakate. Nanu, wunderte ich mich, was könnte denn in dieser grünen, vogelzwitschernden Idylle so gefährlich sein? Ist irgendwo ein Schwerverbrecher ausgebrochen? Lauern tollwütige Wildschweine im Gebüsch? Zum Glück nichts dergleichen, erfuhr ich, als ich eines der bereits etwas verwitterten Plakate zu einem dankbaren Anlass für eine kleine Verschnaufpause nahm. Es wurde lediglich vor einem Insekt gewarnt: Der sogenannte Eichenprozessionsspinner sei unterwegs, und die Raupen könnten bei Berührung Hautreizungen und Asthma auslösen. Ein Beweisfoto zeigte einen wenig appetitlichen pusteligen Ausschlag auf einem anonymen Männerarm.

Verstohlen blickte ich mich um. Zerschlug einige Mücken, die meine Halsschlagader anzapfen wollten. Spähte von Baum zu Baum. Dann auf den Waldboden. Meterlange Raupenkolonnen an Baumstämmen und auf dem Waldboden fürchtete ich zu entdecken. Aber: nichts. In der Ferne ein Kuckuck und der Klang einer Fahrradklingel. Ob das Plakat nun tatsächlich seine Berechtigung hatte oder nicht, wollte ich nicht nachprüfen und verzichtete darauf, das umliegende Gesträuch genauer nach Raupengeweben abzusuchen. Vielleicht spinnt dieser Eichenspinner ja im Verborgenen? So wie Loriots Steinlaus! Um dann irgendwann in Scharen wie Heuschrecken über nichtsahnende Läuferinnen wie mich herzufallen! Und wer ist überhaupt auf die Idee gekommen, das Viech "Ei-chen-pro-zes-sions-spin-ner" zu nennen? Der spinnt doch, oder? Nun gut, es gibt fast eine Million Insekten und alle müssen ja irgendwie bezeichnet werden. Da hat man in diesem Fall also kurzerhand das Leibgericht mit der Art der Fortbewegung und der Freizeitbeschäftigung kombiniert und heraus kam eben diese siebensilbige Zumutung. Weiter hieß es auf dem Aushang: "Die etwa vier Zentimeter langen Raupen haben eine breite dunkle Linie auf dem Rücken, samtartig behaarte Felder und rotbraune, lang behaarte Warzen." Lecker. "Gegen Ende Juli verwandeln sie sich in einen kleinen, kompakten grau-braunen Falter."

Mottenalarm! Als ich "Falter" las, schauderte ich, zog den Reißverschluss meiner Sportjacke bis unters Kinn und das Basecap tiefer ins Gesicht, drückte erneut die Stoppuhr und lief in deutlich angezogenem Tempo meine Strecke weiter. Denn wenn ich mich vor etwas ekle, dann vor Motten. Schuld ist ein traumatisches Erlebnis aus meiner Teenagerzeit: Einer dicken braunen Motto, die sich durchs gekippte Fenster in mein Zimmer verirrt hatte, rückte ich im Morgengrauen nach einer wilden Disconacht mit dem Hausschuh zu Leibe. Da offenbarte sich das reiche Innenleben des so staubtrocken anmutenden Insekts. Es gab eine Riesensauerei an der Wand und mir stieg dieser ekelerregende Anblick (oder waren es die Caipis kombiniert mit Whiskey Colas?) plötzlich zu Kopf. Bis zum Klo war es beim besten Willen nicht mehr zu schaffen ...

Seitdem sauge ich Motten gnadenlos, aber dafür praktisch mit dem Staubsauger ein – wie übrigens auch Spinnen. Tierschützer mögen es mir nachsehen. Ein sehr befriedigendes Gefühl, wenn es "schllllllluppppp" macht und man erleichtert feststellen kann, dass das entsprechende Insekt in der verdichteten Staubwolle wohlbehalten angekommen ist und ganz gemütlich das Zeitliche segnen kann. (Die Frage, ob Spinne und Co. wieder durch das Rohr zurückkrabbeln kann, verdränge ich konsequent.) Für Insektophobikerinnen wie mich ist es von Vorteil, dass man in Berlin kaum mit solchen kreuchenden und fleuchenden Ärgernissen konfrontiert wird. Jedenfalls ist es noch nie vorgekommen, dass ich morgens, völlig verschlafen, im Waschbecken eine dicke schwarze Spinne antraf – so wie im letzten Italienurlaub. Mein Schrei war bis zum schiefen Turm von Pisa zu hören, neckt mich mein Freund Flori bis heute.

Was ein harmloses Plakat doch so alles bewirken kann: Meine Urängste hat es wieder aus den Tiefen der Verdrängung geholt. Und gleichzeitig war es sozusagen Antrieb für meinen neuen Grunewald-Streckenrekord. Als ich am Ziel die Uhr stoppte, glaubte ich meinen Augen nicht zu trauen. Schneller wäre ich wohl auch nicht gewesen, wenn ein Motten- und Spinnengeschwader hinter mir her gewesen wäre!



Juliane Jung, 37, ist Simultanübersetzerin und wohnt in Berlin-Mitte. Wenn sie nicht gerade zwischen den Sprachen hin und her switcht, ist sie mit ihrem Terrier Torpedo in Berlin unterwegs. Sie liebt Sport und singt im Chor. Außerdem sammelt und bemalt sie mit Leidenschaft Blumentöpfe.