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Kolumnen-Archiv

29.08.2011
Was spinnt denn da?

04.08.2011
Vorsicht vor Rückwärtsläufern!

15.04.2011
In höherer Gewalt

28.03.2011
A Running Gag

27.01.2011
Trari trara, die Post ist da

01.12.2010
Schenken macht Freude

04.11.2010
Kopf hoch!

28.04.2010
Laufen Sie schon zielorientiert?

18.03.2010
Frauen und Technik, die begeistert!

19.12.2009
Laufend durch ein Flockenmeer

15.08.2009
Leichtathletik kann so schön sein!

18.06.2009
Kleider machen Läufer

20.05.2009
Treat me like a woman

07.05.2009
Die Entdeckung der Langsamkeit

07.04.2009
Frühlingserwachen<

09.03.2009
Berlinalpin Run

12.02.2009
Das Läufertum astrologisch betrachtet

21.01.2009
Neue Extremsportart entdeckt

21.12.2008
Alle Jahre wieder?


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A Running Gag

Britischer Humor, Wechselduschen und frittierte Powerriegel: Julianes Reisebericht von einer Dienstreise in ein Land, wo man allenfalls bis zum nächsten Pub läuft.

Noch nie in meiner Karriere als Freizeitsportlerin habe ich mich als eine solche Exotin gefühlt wie letzte Woche. Ich wurde für einen Übersetzerjob nach England gerufen, in einen kleinen Betrieb inmitten der East Midlands. Die Laufschuhe, die ich eingepackt hatte, um an den Abenden ein paar Runden – natürlich linksrum – über den englischen Asphalt zu drehen, hätte ich allerdings wohl besser zu Hause gelassen. Es fing schon am Flughafen mit lauter schlechten Vorzeichen an. In einer Boulevardzeitung las ich von einer Studie, dass nur vier Prozent der Briten sich für Sport begeistern könnten. Einer aktuellen Umfrage unter 2100 Personen zufolge würde über die Hälfte der Briten auch dann keinen Sport treiben, wenn ihr Leben davon abhinge. Kann nicht sein – in der Heimat von Paula Radcliffe, Man Utd und Eddie the Eagle, empörte ich mich. Doch spätestens als ich bei meiner Ankunft am Flughafen East Midlands miterlebte, wie Sicherheitskräfte einen hochgradig alkoholisierten und lautstark protestierenden Engländer vom Gepäckband runterwuchten mussten, hätte mich das aufrütteln sollen ...

Was Gentlemen vom Laufen halten

Nun gut, im Büro traf ich dafür auf lauter nette Kollegen, alles Herren in den besten Jahren. Bei dem so essenziellen Smalltalk machte ich dann neben dem Wetter in Deutschland, dem außergewöhnlich guten Imbiss im Flugzeug (ein labberiger Cheddar-Toast) und dem Wetter vor Ort auch gleich noch meine Laufpläne für den Abend zum Thema – in der Hoffnung, dass irgendjemand meine Leidenschaft fürs Laufen schon teilen würde. Pustekuchen. Stattdessen erntete ich charmantes Grinsen und unter anderem folgende Kommentare: "Actually, I don’t like runners – when they are running, they never have a smile on their face!" Ein anderer meinte: "I prefer taking the car." Ein Dritter äußerte: "I haven't even tried Nordic Walking – I can't afford the sticks!" Worauf der Erste ergänzte: "Honestly, you don't need sticks unless you've broken your leg, do you?" Als ich fragte, ob mir irgendwer wenigstens eine besonders nette Strecke zum Laufen empfehlen könnte, waren sich alle einig: "Indeed – from here to the White Horse Tavern". "White Horse Tavern", ich ahnte es, hieß der 200 Meter von der Firma entfernte Pub, das Freizeitzentrum der Mitarbeiter.

Abends nieselte es bei feuchtkalten drei Grad, doch das sollte mich nicht vom Laufen abhalten. Ich entfaltete meinen Ortsplan und peilte einen Park als Laufziel an. In dem kleinen Ort waren kaum Menschen, geschweige denn andere Läufer unterwegs. Dafür schienen die Pubs alle gut gefüllt – vor den Türen rotteten sich Scharen von Leuten aller Altersklassen zusammen, rauchten, hielten Litergläser mit Bier in der Hand und übten lautstark Konversation. Abgehärtet sind die Engländer ja, das muss man ihnen lassen – die meisten Typen trugen nur T-Shirts, und ein paar junge Frauen waren hochhackig beschuht, standen bauchfrei (aber leider nicht bauchspeckfrei) herum oder präsentierten in Miniröcken ihre strammen Oberschenkel. Brrrr. Und ich war noch nicht mal warmgelaufen. Als ich mich in lockerem Tempo der "White Horse Tavern" näherte, veranlasste dies einen besonders gewichtigen Herrn mit einem Pint of Beer in der Hand dazu, seine Einstellung zum Laufen lautstark kundzutun: "If I would run, I would loose too much weight! My wife would say, I got unattractive!" Er erntete schallendes Gelächter, ich verzog die Miene zu einem süßsauren Lächeln. Und irgendwer aus der Menge rief noch: "Hey, she should wear roller blades, than it's getting easier!"

Im Pub gemarsriegelt

Da fiel mein Blick auf die große schwarze Tafel, die eine Cricket-Live-Übertragung und ein paar dazu passende Daily's Specials ankündigte, unter anderem einen sogenannten "Deep-fried Mars bar". Weil ich neugierig und immer offen für landestypische kulinarische Spezialitäten bin, beließ ich es bei den zwei gelaufenen Kilometern und bestellte mir in der "White Horse Tavern" dieses mir noch unbekannte Gericht. Am Tresen stehend, wurde ich Zeuge, wie meine Bestellung innerhalb weniger Minuten "zubereitet" wurde: Aus dem Gefrierfach wurde ein gefrorener Mars-Riegel entnommen, ausgepackt, in eine Schüssel mit einer Art Bierteig geworfen und schließlich in einem großem Behälter mit heißem Fett frittiert – wo vorher noch fröhlich Fish and Chips gebrutzelt hatten! Angewidert hätte ich diese Ferkelei am liebsten gleich wieder abbestellt, wollte aber nicht unhöflich sein. Der Wirt setzte mir den Teller mit dem fetttriefenden, gelb-bräunlichen, wenig ansehnlichen Powerriegel vor und ermunterte mich gut gelaunt mit einem "Enjoy't!" Nach den ersten Bissen rechnete ich fest damit, dass mir jeden Moment die Zähne ausfallen, und wollte schon nach dem nächstgelegenen Zahnarzt fragen. Stattdessen spülte ich die klebrig-süße Masse mit einem guten obergärigen Bier hinunter und verließ nach dieser Marsriegelung den Pub, wo die Cricket-Übertragung in vollem Gange, die Leute fortgeschritten alkoholisiert und die Stimmung dementsprechend gut war.

Auslegeware, Potpourri und Kneippgüsse

Mein feuchtfröhlicher Tagesabschluss stand erst noch bevor: in der Bed-and-Breakfast-Herberge, die ich mangels adäquater Unterkünfte gebucht hatte. Im 1,60 x 1,60 m großen Badezimmer konnte ich mich gerade mal mit eingezogenem Bauch um 360 Grad drehen, ohne am Waschtisch, an der Duschwand oder am Klo anzuecken. Dafür aber war die Nasszelle sehr wohnlich eingerichtet: Der Boden war mit Auslegeware ausgestattet, die irgendwann einmal rosa gewesen sein musste. An den Wänden klebten türkis-blau gemusterte Tapeten. Eine fleckig-schwarze "Bordüre" entlang der Decke verriet, dass die Luftzirkulation in dem fensterlosen Raum alles andere als optimal war. Und das Waschbecken, das eher einer mittelgroßen Auflaufform glich, bot zwar keinen Platz für Seife, aber für eine Vase mit drei künstlichen Rosen und eine kleine Schale Potpourri mit intensivem Rosenölduft, der mir nach dem frittierten Mars-Riegel den Rest gab. Auf spitzen Zehen wankte ich in die Dusche. Es gelang mir nicht, eine einigermaßen erträgliche Wassertemperatur einzustellen. Drehte ich das Heißwasser auf, kam stoßweise erst einmal nur Luft, dann ein kochend heißes Rinnsal. Drehte ich dazu das Kaltwasser auf, schoss selbiges mit größter Entschlossenheit heraus, sodass ich fast einen Herzinfarkt erlitten hätte und erschrocken zurückwich. Die fehlende Mischbatterie erklärt sicherlich auch, warum die Engländer halbnackt vorm Pub stehen können. Zehn Minuten lang versuchte ich vergeblich, die Logik des Systems zu überlisten. Dann gab ich frustriert auf und ging mehr oder weniger ungeduscht zu Bett. Mein letzter Gedanke vor dem Einschlafen war, wie der London Marathon bloß zu seinen 36.000 Teilnehmern kommt. Beim Frühstück jedenfalls richtete ich ein Stoßgebet gen Himmel, dass die nächste Dienstreise mich doch bitte ins schöne Frankreich führen möge!



Juliane Jung, 37, ist Simultanübersetzerin und wohnt in Berlin-Mitte. Wenn sie nicht gerade zwischen den Sprachen hin und her switcht, ist sie mit ihrem Terrier Torpedo in Berlin unterwegs. Sie liebt Sport und singt im Chor. Außerdem sammelt und bemalt sie mit Leidenschaft Blumentöpfe.