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Kolumnen-Archiv

29.08.2011
Was spinnt denn da?

04.08.2011
Vorsicht vor Rückwärtsläufern!

15.04.2011
In höherer Gewalt

28.03.2011
A Running Gag

27.01.2011
Trari trara, die Post ist da

01.12.2010
Schenken macht Freude

04.11.2010
Kopf hoch!

28.04.2010
Laufen Sie schon zielorientiert?

18.03.2010
Frauen und Technik, die begeistert!

19.12.2009
Laufend durch ein Flockenmeer

15.08.2009
Leichtathletik kann so schön sein!

18.06.2009
Kleider machen Läufer

20.05.2009
Treat me like a woman

07.05.2009
Die Entdeckung der Langsamkeit

07.04.2009
Frühlingserwachen<

09.03.2009
Berlinalpin Run

12.02.2009
Das Läufertum astrologisch betrachtet

21.01.2009
Neue Extremsportart entdeckt

21.12.2008
Alle Jahre wieder?


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Bild: © johann35 – Fotolia.com

Kopf hoch!

Leistungssport fängt heutzutage schon im Babyalter an. Diese Erfahrung jedenfalls hat Juliane Jung gemacht.

"Komm rein, aber frag nicht nach Sonnenschein ..." Mit diesen Worten und sichtlich mit den Nerven runter öffnet meine beste Freundin Sarah gestern die Tür, als ich ihr einen Spontanbesuch in ihrer Dachgeschosswohnung im Prenzlauer Berg abstatte. Als ich Jacke und Schuhe ausziehe, höre ich aus dem Schlafzimmer Sarahs Freund Lars: "Jaaaaa, und jetzt hoch! Hoch das Köpfchen! Hoch!!! Guck mal hier. Hier ist eine kleine Ente! Nun stütz dich doch mal auf!" "Meine Güte, was geht denn in eurem Schlafzimmer ab?", grinse ich. Sarah gewährt mir bereitwillig Einlass. Auf dem elterlichen Rattan-Bett ist fein säuberlich eine Krabbeldecke ausgebreitet. In der Mitte liegt der dreieinhalb Monate alte Nachwuchs der beiden, Jakob, in Bauchlage und guckt mit großen Augen seinen Papa an. "Na, was spielt ihr denn Feines?", frage ich Lars, der vor dem Bett sitzt und den Kleinen an beiden Armen festhält. "Spielen ist gut. Am besten, ihr geht in die Küche – Besuch lenkt ihn sonst ab." "Wovon denn?", frage ich erstaunt. "Ach", klärt mich Sarah auf, "wir üben mit ihm, den Kopf zu heben. Das war die einzige Prüfung, die er bei der U4 nicht bestanden hat. Die Kinderärztin meint, das sei ein Mobilitätsdefizit, und hat Jakob Krankengymnastik verschrieben."

"Hey, der Kleine muss schon Prüfungen bestehen? Wie bei 'ner Rassehundeschau, was?", lache ich. "Und wann muss er den ersten Kopfstand vorturnen?" Sarah und Lars finden das gar nicht witzig. "Kopf heben muss er in seinem Alter schon können!", gibt Lars mir zu verstehen und schiebt seine Hand behutsam unter Jakobs Brustkorb. Der Kleine pupst geräuschvoll. "Das Problem ist, dass die Nackenmuskulatur mit Übungen gezielt gestärkt werden muss, hat die Physiotherapeutin gesagt", präzisiert Sarah. Jakob strampelt, ballt die Fäuste und fängt an zu quengeln. "Du musst ihn anders anfassen", eilt sie ihrem Freund zur Hilfe. "Und hier, leg diese Rolle unter, vielleicht klappt’s dann." Ob mit Rolle oder ohne: Jakob macht keine Anstalten, irgendetwas zu heben. Außer vielleicht die rechte Augenbraue. Sarah und Lars starten einen neuen Versuch und bewegen Jakobs Kopf einige Male ein paar Zentimeter hoch und wieder runter. Dabei fuchtelt Babyfitnesstrainer Lars mit dem gelben Quietsche-Entchen vor Jakobs Kopf herum. Der Kleine protestiert, was ich verstehen kann. Er drückt den Kopf noch tiefer in die Decke und brüllt schließlich so, dass er puterrot anläuft und die kleinen Adern am Kopf heraustreten. Sarah und Lars brechen das nachmittägliche Workout entnervt ab. "Und das machen wir schon seit Tagen!", jammert Sarah, lässt sich aufs Bett fallen, packt ihre Brust aus und legt das schreiende Kerlchen an. "Vielleicht musst du ein paar Power-Riegel essen, mit Proteinen und so. Ein bisschen Doping sozusagen ...", schlage ich vor. Sarah hat kein Verständnis für meinen Sarkasmus, sie ist den Tränen nahe. "Weißt du, wie deprimierend das ist? Alle anderen Babys in der PEKIP-Gruppe heben schon den Kopf – und manche sind sogar noch jünger. Jakob ist der Einzige, der es nicht kann. Die anderen Mütter gucken immer ganz mitleidig. Und die PEKIP-Tante meint, es könnte eine Blockade sein."

Das Einzige, was ich für ganz sicher blockiert halte, ist Sarah gesunder Menschenverstand. Na gut, ich habe keine Ahnung von Babys. Aber diese Art von Leistungsdruck finde ich absurd. Ich kann mir nicht vorstellen, dass meine Großmutter mit ihren Kindern – immerhin sieben an der Zahl – Köpfchen heben geübt hat. Nun ja, die Zeiten haben sich geändert. Das Kind ist kaum auf der Welt, da muss es schon Physiotherapie, PEKIP- oder andere Kurse belegen, nur weil die Eltern alles hundertzehnprozentig unter Kontrolle haben wollen. Der arme Jakob, denke ich – und summe dabei vor mich hin: "Bruder Jakob, Bruder Jakob – liegst du noch, liegst du noch – hebst du nicht das Köpfchen, hebst du nicht das Köpfchen – ding dang dong, ding dang dong ...



Juliane Jung, 37, ist Simultanübersetzerin und wohnt in Berlin-Mitte. Wenn sie nicht gerade zwischen den Sprachen hin und her switcht, ist sie mit ihrem Terrier Torpedo in Berlin unterwegs. Sie liebt Sport und singt im Chor. Außerdem sammelt und bemalt sie mit Leidenschaft Blumentöpfe.