Facebook/Startschuss-Berlin   Twitter/startschuss2010
Kolumnen-Archiv

29.08.2011
Was spinnt denn da?

04.08.2011
Vorsicht vor Rückwärtsläufern!

15.04.2011
In höherer Gewalt

28.03.2011
A Running Gag

27.01.2011
Trari trara, die Post ist da

01.12.2010
Schenken macht Freude

04.11.2010
Kopf hoch!

28.04.2010
Laufen Sie schon zielorientiert?

18.03.2010
Frauen und Technik, die begeistert!

19.12.2009
Laufend durch ein Flockenmeer

15.08.2009
Leichtathletik kann so schön sein!

18.06.2009
Kleider machen Läufer

20.05.2009
Treat me like a woman

07.05.2009
Die Entdeckung der Langsamkeit

07.04.2009
Frühlingserwachen<

09.03.2009
Berlinalpin Run

12.02.2009
Das Läufertum astrologisch betrachtet

21.01.2009
Neue Extremsportart entdeckt

21.12.2008
Alle Jahre wieder?


Bestellung
Die Wettkampf-Fibel 2016

Lassen Sie sich
Die Wettkampf-Fibel 2017
druckfrisch per Post zuschicken:

2 Stück: 5,95 Euro
20 Stück: 17,85 Euro
50 Stück: 29,75 Euro
100 Stück: 35,70 Euro

zur Bestellung


Bild: © Friedberg – Fotolia.com

Laufen Sie schon zielorientiert?

Trainingspläne waren gestern. Juliane Jung schwört darauf, den inneren Schweinehund einfach auszutricksen – und dabei fast wie von selbst ans Ziel zu kommen.

Früher sangen wir inbrünstig "Du hast ja ein Ziel vor den Augen". Heute gehören "Wichtig sind klare Zielvereinbarungen", "zielorientiert handeln" und "Maßnahmen, um die gesetzten Ziele zu erreichen" zu den Worten, die ich als Simultanübersetzerin Tag für Tag, Woche für Woche und Monat für Monat am häufigsten ins Englische, Französische oder Spanische übersetzen darf.

So groß meine Abneigung gegen diese Floskeln ist – kürzlich habe ich entdeckt, dass die schöne Eigenschaft der Marke Zielorientierung auch für das freizeitliche Laufen durchaus von Vorteil sein kann – insbesondere für Personen wie mich, die sich nicht sehr oft zum Laufen aufrappeln können und immer einen Vorwand finden (müssen), einen großen Bogen um die Laufschuhe zu machen.

Mit Zielorientierung meine ich dabei jedoch nicht so sehr die Trainingspläne, die anfänglich ein ganz sanftes und dann wie im Protonenbeschleuniger ein immer strafferes Programm vorsehen und für die man einen laaaangen Atem haben muss. Schon früher mussten wir zuhauf Pläne erfüllen und sogar übererfüllen – und was hat’s gebracht? Nein, bei mir ist es vielmehr so, dass ich laufen gehe und eigentlich etwas ganz anderes vorhabe, mich also sozusagen selbst überliste. Klingt verrückt, ist aber ganz einfach. Ein Beispiel, das zum gerade voll powernden Frühling passt: Der Balkon muss für die warme Jahreszeit hergerichtet werden, und nach dem Blättern in diversen Einrichtungs- und Balkonpflanzenbüchern stelle ich fest, dass noch ein paar nette, farblich passende Pflanztöpfe meine Terrakotta-Armee von Blumenbehältern aufhübschen könnten. Anvisiertes Ziel: nächstgelegener Baumarkt mit drei Buchstaben. Der ist in Wedding und immerhin gut fünf Kilometer Luftlinie von meiner Wohnung entfernt. Da bietet es sich doch an, die Strecke im Laufschritt zurückzulegen. Das Laufen ist damit also kein Selbstzweck, sondern sozusagen die "Maßnahme zur Zielerreichung" oder auch "eine besonders zielführende Handlung". Man verachte nicht den psychologischen Effekt: Denn während des Laufens konzentriert man sich nicht so sehr auf die körperliche Anstrengung, sondern malt sich schon aus, welche Töpfe sich farblich am besten kombinieren ließen (Blau und weiß? Warme Rot-, Orange- und Brauntöne?), womit sie bepflanzt werden könnten (Geranien? Rittersporn? Fuchsien?) und welche Deko sich zusätzlich anböte (Maritim? Orientalisch? "Vintage"?). Ach, da gerät man ins Träumen – und das während einem die Schweißperlen auf der Stirn stehen und man sich schwitzend über den harten Asphalt eines noch härteren Bezirks bewegt.

Der Baumarkt fungiert als Ort der Belohnung: Nach getaner Laufarbeit darf frau sich all die Töpfe aussuchen, nach denen es sie gelüstet. Quasi wie eine Ratte im Versuchslabor, die nach dem Betätigen eines bestimmten Schalters ein Leckerli bekommt. Zum Glück denkt sich niemand etwas dabei, wenn man in den Weddinger Wie-Wo-Was-Markt schweißtriefend, prustend und innerlich jubelnd einläuft, und nur selten rümpft die Kassiererin die Nase.

Und nach absolviertem Jogging ist gut ruhn? Mitnichten! Nachhaltigkeit – auch so eine schöne Floskel, die zu meinem Standard-Übersetzungsrepertoire gehört – lautet die Devise. Denn das Lauftraining lässt sich abschließend noch super mit einem Dehn- und Krafttraining kombinieren. Denn schließlich wollen die Töpfe auch noch sicher nach Haus transportiert werden. Als Zusatzgewicht wird sich noch locker ein 20-Kilo-Pack Blumenerde unter den Arm geklemmt – schließlich muss sich der Ausflug ja auch lohnen – und ab geht's in Richtung heimatlicher Balkon. Ja, und dort fangen dann die wirklichen Freuden an: umtopfen, dekorieren und danach ganz zufrieden einen Cappuccino im Schaukelstuhl schlürfen.

Es kann also manchmal durchaus zielführend sein, sich nicht an strikte Pläne zu halten, sondern sich ganz einfach selbst zu überlisten ...

Einen blumigen Frühlingsanfang wünscht Ihnen



Juliane Jung, 37, ist Simultanübersetzerin und wohnt in Berlin-Mitte. Wenn sie nicht gerade zwischen den Sprachen hin und her switcht, ist sie mit ihrem Terrier Torpedo in Berlin unterwegs. Sie liebt Sport und singt im Chor. Außerdem sammelt und bemalt sie mit Leidenschaft Blumentöpfe.