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Kolumnen-Archiv

29.08.2011
Was spinnt denn da?

04.08.2011
Vorsicht vor Rückwärtsläufern!

15.04.2011
In höherer Gewalt

28.03.2011
A Running Gag

27.01.2011
Trari trara, die Post ist da

01.12.2010
Schenken macht Freude

04.11.2010
Kopf hoch!

28.04.2010
Laufen Sie schon zielorientiert?

18.03.2010
Frauen und Technik, die begeistert!

19.12.2009
Laufend durch ein Flockenmeer

15.08.2009
Leichtathletik kann so schön sein!

18.06.2009
Kleider machen Läufer

20.05.2009
Treat me like a woman

07.05.2009
Die Entdeckung der Langsamkeit

07.04.2009
Frühlingserwachen<

09.03.2009
Berlinalpin Run

12.02.2009
Das Läufertum astrologisch betrachtet

21.01.2009
Neue Extremsportart entdeckt

21.12.2008
Alle Jahre wieder?


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Alle Jahre wieder?

Endlich Weihnachten. Endlich ein paar freie Tage und Zeit, um wieder zu laufen. In den letzten Wochen bin ich zwar auch gerannt, aber eher wie ein Hamster im Laufrad vor lauter Arbeit! Doch jetzt zum Jahresende wird alles anders. Denn ich verbringe diese Weihnachten bei meinen Eltern. Auf Rügen, in einem kleinen Dorf, wo garantiert nichts ablenkt von meinem Vorhaben, endlich wieder zu laufen: kein Kino, kein Konzert und keine Firmenweihnachtsfeier.

Meine Vorfreude aufs Laufen stellt sich sofort nach der Ankunft ein. Theoretisch könnte es gleich losgehen. Praktisch auch, denn die neuen teuren Sportschuhe stehen schon bereit. Gerade als ich sie anziehen will, kommt Mutti: "Was, du willst joggen? Nix da – jetzt gibt’s erst mal Kaffee und Glühwein. Hab extra für dich Stollen und Schmandkuchen gebacken. Neues Rezept. Von Tante Elvira!" "Aber ...", widerspreche ich. "Laufen kannst du ja nun immer noch!" Aus dem Kaffeeklatsch werden drei Stunden. Dann dämmert es draußen, und mir dämmert, dass ich ja noch joggen wollte. Gut, es ist jetzt fast dunkel, es weht ein eisiger Wind und mein Enthusiasmus hat mittlerweile deutlich nachgelassen. Aber egal, irgendwann muss man sich schließlich aufraffen. Zum Glück warnt mich meine Vernunft: Es ist doch extrem ungesund, mit vollem Bauch zu rennen. Stollen und Schmandkuchen liegen mir wie ein Stein im Magen – danke, Tante Elvira! – und nach dem Glühwein bin ich so schläfrig, dass ich befürchte, schon nach den ersten drei Schritten umzufallen und auf dem gefrorenen Landweg einzuschlafen. Die Konsequenz ist so einfach wie logisch: Ich verschiebe das Laufen auf morgen. Überstürzen sollte man schließlich auch nichts und – Mutti hat recht – laufen kann man ja nun immer noch.

Am nächsten Morgen bin ich frisch und ausgeruht. Aber als ich aus dem Fenster schaue, traue ich meinen Augen nicht: Alles ist weiß. Über Nacht ist reichlich Schnee gefallen. Mein Vater klopft ans Fenster. Er hat eine rote Nase und die Pudelmütze tief ins Gesicht gezogen: "Komm, kannst Schnee schippen helfen!" Aus dem Laufen wird erst mal nichts. Na, immerhin bin ich an der frischen Luft. Nachdem wir Wege und Bürgersteig freigeräumt haben, ist es Mittag. Bis nach draußen duftet es schon verführerisch nach Braten, Rotkohl und Klößen. Ich nehme mir vor, wenig zu essen, auch wenn’s schwer fällt, und plane das Laufen für den Nachmittag ein. Da wird mich definitiv nichts mehr davon abhalten – auch kein Schmandkuchen von Tante Elvira!

Nach einem kurzen Nickerchen – der muss sein wegen der Verdauung – schnüre ich die Laufschuhe und will loslaufen. Da merke ich erst, dass es von den Dächern tropft und das derweil eingesetzte Tauwetter Wege und Bürgersteige in einen einzigen Schmadder verwandelt hat. Wenn ich jetzt laufe, saue ich mir nicht nur die neuen Schuhe, sondern gleich noch die atmungsaktive Funktionslaufhose ein! Und ich habe ja nur eine Laufhose dabei! Geht nicht. Stattdessen: Stollen und Schmandkuchen. Ich ärgere mich fürchterlich: über mich, das Wetter, das viele und zu gute Essen und Tante Elvira. Da will man mal laufen, und man kann nicht!

Nach einigen Tagen ist der Schneematsch weg und ich bin um einige Pfunde schwerer geworden. Die Verwandtschaft war über die Festtage da und Mutti hat sich mit Kochen und Backen wieder einmal selbst übertroffen. Die Zeichen stehen auf Sturm: Die Pfunde müssen weg – ich muss dringend was tun! Die Laufschuhe blicken mich vorwurfsvoll an. Entschlossen nehme ich einen neuen Anlauf und mache mich auf den Weg. Nach ein paar gelaufenen Metern sehe ich von Weitem Ines – eine Schulfreundin von früher. Sie ist mit ihrem Hund unterwegs, winkt und kommt näher. Prima, denke ich, obwohl ich mich eigentlich freue, sie wiederzusehen. "Super, dass du auch hier bist über Weihnachten – sportlich, sportlich", mustert sie mich anerkennend, "das nehme ich mir auch dauernd vor – aber irgendwie kommt immer was dazwischen." "Ach was", sage ich. "Willst du heute Abend nicht bei mir und Martin vorbeikommen? Wir machen Fondue. Dann können wir mal wieder so richtig schön quatschen!" "Oh, heute wollte ich eigentlich ...", druckse ich herum, sage aber dann doch zu. Wir gehen eine Weile zusammen und tauschen Neuigkeiten aus. "Na gut, dann lauf mal noch schön!", verabschiedet sich Ines. Als sie außer Sichtweite ist, fange ich wieder an zu rennen, fast schon verbissen und wahrscheinlich zu schnell. Schon nach einigen Minuten bekomme ich Seitenstiche. Und dann weiß ich, warum man sagt, neue Schuhe sollte man erst einmal einlaufen! Zuerst ist nur ein leichter Druck auf die Ferse zu spüren. Nicht schlimm, sage ich mir, und laufe weiter. Der Schmerz steigert sich ins Unerträgliche. Ich muss abbrechen und hinke nach Hause zurück. Meine schlechte Laune sitze ich bei Lebkuchen vor dem Fernseher aus.

Aber es kommt noch schlimmer: Da sich Ines’ Freund durch den langen Fondue-Abend geschnieft und gehustet hat, feiern am nächsten Morgen auch bei mir die Grippeviren ihren Triumph. Die restlichen Urlaubstage liege ich fix und fertig auf der Couch, schlürfe Erkältungstee und stelle mir wehmütig vor, wie großartig ich jetzt laufen würde, wenn ich nicht krank wäre, keine Blasen an den Füßen hätte und es nicht ausgerechnet Weihnachten wäre ...

Zusammengefasst: Weihnachten im letzten Jahr war lauftechnisch gesehen nicht der Renner. So was wird mir dieses Jahr nicht passieren, bin ich mir hundertprozentig sicher, als ich Laufschuhe und atmungsaktive Funktionslaufhose in meinem Koffer verstaue und die Fahrkarte nach Rügen ausdrucke. Genießen Sie Ihren wohlverdienten Weihnachtsurlaub und nehmen Sie sich bloß nichts vor – schon gar nicht das Laufen!



Juliane Jung, 37, ist Simultanübersetzerin und wohnt in Berlin-Mitte. Wenn sie nicht gerade zwischen den Sprachen hin und her switcht, ist sie mit ihrem Terrier Torpedo in Berlin unterwegs. Sie liebt Sport und singt im Chor. Außerdem sammelt und bemalt sie mit Leidenschaft Blumentöpfe.